„Hormonelle Veränderungen beeinflussen auch die Mundgesundheit“

Dr. Lisa Hezel  ist Zahnärztin und Parodontologin mit eigener Praxis in Magdeburg. Außerdem ist sie seit 2017 Koordinatorin des Curriculums „Moderne Parodontologie und Implantologie” der Zahnärztekammer Sachsen-Anhalt und Mitglied im Öffentlichkeitsausschuss der European Federation of Periodontology

Interview: Carolin Binder
Bild: privat

Hormonschwankungen und -veränderungen wirken sich vielfältig auf Gesundheit und Wohlbefinden aus. Auch bei der Mundgesundheit spielen sie eine Rolle. Worauf Frauen während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren besonders achten sollten.

Nexxt Level: Frauen sind bei der Mundhygiene sorgfältiger als Männer – stehen aber in Sachen Zahngesundheit schlechter da. Wie kann das sein? 
Dr. Lisa Hezel: Es stimmt, Frauen entwickeln nachweislich häufiger Karies – und das, obwohl sie gesünder leben und Kontroll- und Präventionstermine eher wahrnehmen. Männer liegen dagegen bei der Parodontitis etwas vorn. Die Menopause wird als Risikofaktor für diese Entzündung des Zahnhalteapparates diskutiert, aber die Studienlage ist bislang nicht eindeutig. Großen Einfluss hat schlicht das Alter. Die Zusammenhänge werden damit erklärt, dass sich die Hormonschwankungen bei Frauen auf die Mundgesundheit auswirken können und auf Männer öfter Risikofaktoren wie ein ungesünderer Lebensstil zutreffen.

Welche Probleme treten speziell in den Wechseljahren auf?
Die Schleimhäute werden hormonell bedingt trockener, es fließt weniger Speichel. Dabei erfüllt er wichtige Aufgaben: Seine immunaktiven Wirkstoffe wehren Pilze, Viren, Bakterien ab. Speichel hält den pH-Wert in der Mundhöhle stabil und enthält Mineralien. Wenn die Spülung der Zähne ausbleibt, können sie nicht remineralisiert werden und trocknen aus – das macht anfälliger für Karies. Seltener, aber sehr unangenehm ist das „Burning-Mouth-Syndrom“. Darunter versteht man ein Mundbrennen, bei dem sich die Zunge oder die Mundhöhlenschleimhaut irritiert anfühlt, ohne dass es eine konkrete Ursache gibt.

Was kann helfen?
Beim Essen mehr zu kauen, regt die Speichelbildung an. Dann gilt es herausfinden, welche Lebensmittel die Beschwerden verschlechtern oder bessern. Saure Bonbons oder Kaugummi sind oft hilfreich. Alkohol, Rauchen, scharfe Speisen dagegen fördern Mundtrockenheit oder -brennen. Bei der Mundhygiene kann man mentholfreie Zahncremes oder Kinderzahnpastas ausprobieren. Es gibt auch Mundspülungen mit Hyaluronzusatz und künstliche Speichelpräparate – meiner Erfahrung nach ist der Effekt allerdings überschaubar.  Bei Mundtrockenheit sollte abgeklärt werden, ob andere Ursachen in Frage kommen: Wird durch den Mund geatmet? Was ist mit Schnarchen? Könnten Medikamente die Symptome verursachen? Trinkt man genug? Mundtrockenheit kann auch die Folge von Autoimmunerkrankungen sein, die die Speicheldrüsen beeinflussen. Zudem können Krebstherapien die Mundschleimhaut schädigen und die Funktion der Speicheldrüsen verschlechtern. 

Wie wirken sich die Hormone noch auf die Mundgesundheit aus?
Wir wissen, dass sich im Zahnfleisch Hormonrezeptoren für Östrogene und Progesteron befinden. Es besteht also eine Wechselbeziehung zwischen Hormonspiegel und Zahnfleisch. So ist etwa das Risiko einer oberflächlichen Zahnfleischentzündung, Gingivitis genannt, bei Schwangeren deutlich erhöht. Durch die Hormonumstellung ist der Gewebestoffwechsel im Mund verändert. Das Zahnfleisch ist etwas lockerer und damit durchlässiger für Bakterien. Die Folgen von Zahnfleischerkrankungen können auch das Kind im Bauch betreffen: Schwangere mit Parodontitis scheinen ein höheres Risiko für eine Frühgeburt oder Präeklampsie zu haben. Tatsächlich gibt es sogar Frauen, die im Lauf ihres Menstruationszyklus eine Gingivitis ausprägen.

Wie kann man sich das vorstellen?
Es kommt selten vor, aber durch den zyklusbedingten hormonellen Umschwung reicht überspitzt gesagt schon ein Bakterium aus, dass sich das Zahnfleisch trotz guter und sonst ausreichender Mundhygiene entzündet. Es ist dann jeden Monat zeitweise schmerzhaft angeschwollen.


Bis zum Jahr 2030 wird es weltweit voraussichtlich 

1,2 Milliarden Frauen

in der Menopause und Postmenopause geben.  


Quelle: The demography of menopause 


Wie lässt sich Zahnfleischproblemen entgegenwirken?
Indem man Zahnfleischbluten ernst nimmt. Ein gesundes Zahnfleisch blutet nicht! Viele putzen dann vorsichtiger und weniger gründlich – das ist genau der falsche Ansatz. Bei den ersten Symptomen einer Gingivitis – typisch sind auch Mundgeruch oder schlechter Geschmack im Mund – sollte man konsequent gegensteuern und seine Mundhygiene verbessern. Unterstützend empfehle ich, regelmäßig eine professionelle Zahnreinigung machen zu lassen. Dabei werden alle Auflagerungen und Rauigkeiten beseitigt und die Zahnoberflächen geglättet. Die Patient:innen bekommen auch Tipps für die richtige Pflege zuhause. 

Worauf kommt es bei der Mundhygiene besonders an? 
Gingivitis und Parodontitis sind keine schicksalhaften Erkrankungen! Es geht darum, den bakterienbedingten Biofilm auf den Zähnen mechanisch zu entfernen – zweimal am Tag, egal mit welcher Zahnbürste oder Zahnpasta. Mundspülungen braucht es nicht. Die Zwischenraumpflege ist enorm wichtig – die Zwischenräume machen 40 Prozent der Zahnoberfläche aus! Das ist fast so, als ob man den Oberkiefer putzt und beim Unterkiefer sagt: Nö, passt schon. Dafür sind Zahnzwischenraumbürstchen das Mittel der Wahl. Zahnseide ist nur geeignet, wenn die Räume für Bürstchen zu eng sind.

Was passiert bei einer Parodontitis genau?
Bleibt eine Gingivitis, also eine oberflächliche Zahnfleischentzündung, länger bestehen, greift die Entzündung irgendwann den ganzen Zahnhalteapparat mit den zahntragenden Knochen an – je nach individuellen Risikofaktoren. Das Fatale ist, dass die Zähne durch den Knochenabbau den Halt verlieren und sich der Knochen so gut wie nicht mehr zurückbildet. Es ist eine chronische Entzündungserkrankung, deren Folgen den ganzen Körper betreffen können. 

Welche Zusammenhänge sind hier bekannt? 
Bakterien und Entzündungsbotenstoffe aus den Zahnfleischtaschen gelangen über den Blutkreislauf zu anderen Stellen im Körper und können dort Schaden anrichten. Es gibt etwa Belege für ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko oder Diabetes. Diabetes und Parodontitis begünstigen sich sogar wechselseitig: Ein schlecht eingestellter Diabetes beeinflusst eine Parodontitis ungünstig, aber auch eine unbehandelte Parodontitis erschwert die Blutzuckerkontrolle. Es hat also viele positive Effekte, wenn eine Zahnfleischentzündung früh erkannt, behandelt und in einem größeren Bild gesehen wird. Manche  Patient:innen spüren körperlich, wenn die Entzündung nach der Behandlung aus dem Körper geht. Es geht wirklich nicht nur um das Retten der Zähne, sondern darum, Lebensqualität zu gewinnen.  


Frauen des Jahres

„Frauen des Jahres“ stellt 31 Frauen vor, die sich in verschiedensten Branchen einen Namen gemacht haben. Dabei teilen diese beeindruckenden Frauen nicht nur ihren Werdegang, sondern geben ihre Erfahrung weiter und stehen mitunter sogar auch für ein Mentoring zur Verfügung. Das Ziel: Frauen dabei unterstützen, aktiv voneinander zu lernen und sich gegenseitig den Rücken zu stärken.

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