Die meisten Kinder singen immer und überall vor sich hin, doch spätestens im Erwachsenenalter geht das vielen Menschen verloren. Dabei ist Singen Wellness für Körper und Geist – davon ist Stimmcoach Ariane Roth überzeugt. Im Interview erzählt sie, wie wir unsere Stimme als Ressource nutzen können und warum wir alle mehr singen sollten!
Interview: Sabrina Waffenschmidt
Foto: Ronny Barthel
Nexxt Level: Ariane, was verrät unsere Stimme über uns?
Ariane Roth: Unsere Stimme zeigt, wer wir sind und wie es uns gerade wirklich geht. Sind wir müde, gestresst oder aufgeregt, reagiert sie immer darauf. Die Stimme offenbart unsere Stimmung – das zeigt schon der gemeinsame Wortstamm. Doch was viele unterschätzen: Wir können unsere Stimme stärken, trainieren und als Ressource nutzen.
Setzen Frauen und Männer ihre Stimmen unterschiedlich ein?
Ja. Es gibt natürlich Ausnahmen, doch die Stimme spiegelt bei vielen Frauen ihre Erziehung wider. Wir sollen brav sein, lieb sein und immer nett lächeln. Unsere Stimmen sind deshalb meist viel höher, um dem Gegenüber zu signalisieren: Hey, von mir geht keine Gefahr aus! Doch gerade für Frauen in der Wirtschaft und in männerdominierten Berufen ist es wichtig, zu lernen, die Stimme souverän und präsent zu nutzen. Männer haben einen größeren Kehlkopf, eine tiefere Frequenz und klingen dadurch tiefer. Aber auch Frauen können lernen auf klangvolle und
resonanzreiche Art und Weise ihre Stimme einzusetzen. Jeder Mensch kann Stimme!
„Wir entscheiden innerhalb von Sekunden, ob wir einer Stimme gerne zuhören.“
Kann die Stimme über Erfolg und Misserfolg entscheiden?
Wir entscheiden innerhalb von Sekunden, ob wir einer Stimme und dem
Sprecher oder der Sprecherin gern zuhören. Wenn ich etwas Wichtiges zu
sagen habe, aber total angespannt und gehetzt klinge, stehen die Chancen
gut, dass ich keine gute Aufmerksamkeit erzeuge.
Das Gleiche gilt für eine gestresste Stimme …
Genau! Sind wir gestresst, gehen wir in den Stressmodus und es bauen sich in unserem Körper Fehlspannungen auf. Das wirkt sich negativ auf unsere Haltung, die Atmung und unsere Artikulationsfähigkeit aus. Gehe ich dann dermaßen überspannt und gestresst in ein wichtiges Meeting, stresse ich auch alle anderen im Raum. Das ist interne Simulation: Die Menschen sind ebenfalls gestresst und schalten ab. Deshalb sollten wir die Stimme als Instrument verstehen und uns mental, körperlich und stimmlich einstimmen, bevor wir in eine Kommunikationssituation gehen. Ein Orchester geht schließlich auch nicht auf die Bühne, ohne vorher die Instrumente zu stimmen.

Ariane Roth steht seit mehr als 25 Jahren beruflich auf der Bühne. Sie ist Sängerin, diplomierte Musikpädagogin, Speakerin und Gründerin der Online-Sing-Plattform „Sha la la“ sowie von Stimmpower. Als Stimmcoach und Systemischer Business Coach, hilft sie Menschen und Unternehmen dabei, ihre Stimme zu entdecken.
Deine Mission ist es, die Menschen wieder zum Singen zu bringen. Was passiert, wenn wir singen?
Singen wird mit zahlreichen positiven Effekten auf Körper und Psyche in
Verbindung gebracht. Besonders gut dokumentiert sind Verbesserungen der
Lebenszufriedenheit, der Körperwahrnehmung, der persönlichen
Selbstwirksamkeit und des subjektiven Wohlbefindens sowie eine Reduzierung
von Stressempfinden und negativen Gefühlen wie Angst. Singen stärkt unsere
Atemmuskulatur, unsere Haltung und die Lungenfunktion. Es verbessert die
Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz und schüttet Oxytocin und
Endorphine aus. Bei älteren Menschen wurden positive Auswirkungen auf
Schmerzen, Schlafqualität und Demenz nachgewiesen.
… das perfekte Tool gegen Stress also?
Singen ist ein Wundermittel! Wir legen damit einen Schalter um und switchen vom Stress- in den Erholungsmodus. Und das funktioniert sogar Online, wie wir das auf „Sha la la“, meiner Plattform für Online-Singen, machen. Das haben Prof. Dr. Thomas Schäfer von der Medical School of Berlin und ich in unserer Studie aus 2023 nachweisen können.
Ist es denn wichtig, ob ich die Töne treffe?
Nein, das ist völlig egal! Ich bin der festen Überzeugung, dass Singen unsere eigentliche Muttersprache ist. Da müssen wir uns nur Kinder anschauen: Sie singen fast immer vor sich hin. Aber auch in Religionen und spirituellen Gemeinschaften wird schon immer gesungen. Singen kann sogar eine rettende Funktion haben und hat zum Beispiel Schwarzen Menschen geholfen, die Sklaverei zu überstehen.
Doch vielen geht diese natürliche Verbindung zum Singen im Laufe ihres Lebens verloren. Warum?
Oft passiert das schon in der Schule, und zwar dann, wenn unser Gesang plötzlich bewertet wird: Wir müssen uns vor die Klasse stellen und singen. Wir blamieren uns vielleicht, werden ausgelacht oder bekommen eine schlechte Note – und speichern ab: Ich kann nicht singen! Thema abgehakt. Dabei ist Singen eine so wichtige Ressource für unser Wohlbefinden. Und wenn ich mir eines wünschen darf, ist es das: Singt alle mehr!
„Wir legen beim Singen einen Schalter um und switchen vom Stress- in den Erholungsmodus.“
Welche konkreten Tipps kann man vor einem wichtigen Gespräch oder einer wichtigen Präsentation beherzigen?
- Unsere Haltung beeinflusst unsere Stimmqualität, deshalb müssen wir unseren Körper erst mal locker machen: die Schultern kreisen, den Hals dehnen, uns recken, strecken und ausschütteln. In diesem Moment passiert schon ein großes Wunder: Wir regulieren und gehen aus dem Stressmodus heraus.
- Als nächstes spüren wir den Boden, denn eine gute Stimme beginnt bei den Füßen. Wenn wir den Boden unter uns spüren, vertieft sich unsere Atmung und wir finden wortwörtlich Halt. Wir fühlen uns stabiler, sicherer, selbstbewusster.
- Wenn wir nervös sind, spannen wir unseren Bauch an. Die Atmung geht hoch und die Stimme klingt angestrengt. Deshalb: Bauchdecke entspannen – und bewusst ausatmen.
- Dann heißt es: Kiefer lockern und Mund auf! Denn sind wir gestresst, beißen wir oft die Zähne zusammen. So haben wir keinen Platz zum Sprechen. Ab jetzt berühren sich die Zähne nur noch beim Essen!
- Und dann finden wir unseren Klang!
Birte Heckmann: „Stimme. Macht. Erfolg.“
In „Stimme. Macht. Erfolg.“ zeigt Stimm- und Sprechtrainerin Birte Heckmann, was die menschliche Stimme alles leistet und wie wir sie stärken, um glaubwürdig und kompetent wahrgenommen zu werden. Das Buch liefert spannende Hintergründe und Dutzende von Praxistipps – und das auf angenehm leichte und humorvolle Art.

46 Prozent
der Frauen in Deutschland fühlen sich vor Weihnachten gestresster als sonst. Bei den Männern sind es 33 Prozent.
Quelle: forsa/Ring

