Wir Superheldinnen

Der weibliche Körper ist ein Wunderwerk. In ihrem Buch beschreibt die Gynäkologin Dorothee Biener, was Frau alles imstande ist zu leisten und räumt nebenbei mit populären Mythen über das Frausein auf. Bei uns stellt sie sieben davon vor!

Interview: Felix Fischaleck
Foto: Michu Dang-Quang

Frau Dr. Biener, was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu
schreiben?

Es war tatsächlich ein Prozess. Ich war schon immer fasziniert von Frauen
und ihrem großartigen Körper – als Gynäkologin ist das vielleicht nicht
allzu verwunderlich. Mir ist jedoch aufgefallen, dass wir viel zu selten mit
Begeisterung über unseren eigenen Körper sprechen. In der Medizin wird
oft erkrankungsfixiert gearbeitet, anstatt anzuerkennen, wie unglaublich
gut viele Prozesse in unserem Körper von Natur aus funktionieren. Diese
Faszination an dem, was am Körper einfach toll ist, wollte ich gern
transportieren. Mit der Zeit wurde mir das immer wichtiger. Irgendwann
habe ich angefangen zu schreiben und meine Begeisterung wuchs von
Seite zu Seite. Jetzt bin ich ein noch viel größerer Fan des weiblichen
Körpers als vorher.

Was macht Frauen aus Ihrer Sicht zu Superheldinnen?
Vor allem die unglaubliche Anpassungsfähigkeit ihres Körpers. Frauen
können in den unterschiedlichsten Lebensbedingungen bestehen – von
der Wüste bis zur Arktis. Sie sind in jeder Phase ihres Lebens unglaublich
widerstandsfähig und evolutionär betrachtet ein besonders stabiles
Konzept: Frauen leben länger und erkranken seltener schwer als Männer
und haben eine beeindruckende Anpassungsfähigkeit an verschiedene
Herausforderungen. Und nicht zu vergessen: Frauen sind in der Lage,
Kinder zur Welt zu bringen – das ist wohl die ultimative Superheldinnen-
Fähigkeit.

Dr. Dorothee Biener ist promovierte Frauenärztin und Diplom-Biologin. Als Ärztin arbeitet sie seit vielen Jahren in der Gynäkologie in Krankenhaus und Praxis, als Biologin forschte sie am Mammakarzinom und an der Genverteilung im Zellkern.


Ihr Buch geht auch auf viele Mythen über den weiblichen Körper ein. Welche Mythen halten sich besonders hartnäckig?
Es gibt eine ganze Reihe von Mythen, die sich hartnäckig halten und das Leben von Frauen stark und leider oftmals auch sehr negativ beeinflussen.

  1. Der perfekte Körper macht glücklich: Ein weitverbreiteter Mythos ist,
    dass nur Frauen mit einem makellosen Körper wirklich glücklich sein
    können. Das führt dazu, dass Frauen ständig nach einem unerreichbaren
    Ideal streben und sich ungenügend fühlen. Dabei ist unser Körper in jeder
    Phase unseres Lebens ein wahres Wunderwerk, das tagtäglich großartige
    Arbeit leistet. Das Glück hängt nicht von der äußeren Erscheinung ab,
    sondern davon, wie wir uns selbst wahrnehmen und akzeptieren.
  2. Periodenschmerzen und andere weibliche Beschwerden muss man einfach aushalten: Ein weiterer gefährlicher Mythos ist, dass Menstruationsschmerzen und andere typische weibliche Beschwerden normal seien und Frauen diese still ertragen müssten. Tatsächlich sind starke Schmerzen und ausgeprägte Beschwerden nicht ‚einfach so hinzunehmen‘. Denn es können auch Erkrankungen wie Endometriose dahinterstecken, die behandelt werden sollten. Niemand sollte sich mit unnötigen Schmerzen abfinden müssen.
  3. Gutes Aussehen ist entscheidend für guten Sex: In unserer Gesellschaft wird häufig suggeriert, dass ein attraktives Äußeres entscheidend für eine erfüllte Sexualität ist. Das ist jedoch nicht wahr. Gute Sexualität basiert auf Kommunikation, Vertrauen und Körperbewusstsein – nicht auf einem bestimmten Schönheitsideal. 
  4. Die Klitoris ist nur ein kleiner Punkt: Die meisten Menschen denken, dass die Klitoris lediglich dieser kleine sichtbare Punkt oberhalb der Vagina ist. Dabei ist sie ein viel größeres Organ, das bis zu elf Zentimeter lang ist und sich hauptsächlich im Körperinnere befindet (daher auch dieser Mythos). Ein besseres Verständnis ihrer Anatomie kann Frauen helfen, ihre eigene Sexualität bewusster zu erleben.
  5. Vorsorgeuntersuchungen machen eher krank als gesund: Manche Menschen sind der Meinung, dass medizinische Vorsorgeuntersuchungen nur unnötige Ängste schüren und zu überflüssigen Behandlungen führen. Das Gegenteil ist der Fall: Prävention rettet Leben, indem Krankheiten frühzeitig erkannt und behandelt werden können, bevor sie ernsthafte Folgen haben. 
  6. Die Wechseljahre sind eine Krankheit: Viele Frauen glauben, dass die Wechseljahre eine Krankheit sind, weil sie oft mit Beschwerden verbunden sind. Doch genauso wie die Pubertät sind sie eine natürliche Lebensphase, die nicht zwangsläufig mit Leid verbunden sein muss, sondern auch eine große Chance für Neues bieten kann. Wichtig ist, Beschwerden ernst zu nehmen und bei Bedarf Unterstützung zu suchen. 
  7. Die weibliche Brust ist entweder heilig oder tabu: Ein weiterer hartnäckiger Mythos betrifft die weibliche Brust. Sie wird entweder als Symbol für Mutterschaft oder wird als sexualisiertes Körpermerkmal gesehen. Diese Wahrnehmung führt dazu, dass Frauen oft unsicher sind, wie sie mit ihrem eigenen Körper umgehen sollen. Dabei sollte die Brust als das betrachtet werden, was sie ist: ein natürlicher Teil des Körpers, der genauso wenig tabu sein sollte wie jeder andere Körperbereich.



Jetzt bin ich ein noch viel größerer Fan des weiblichen Körpers als vorher.“



Ein anderer Blick

Auf Basis neuester
wissenschaftlicher Erkenntnisse
und anhand vieler Fälle aus ihrer
Praxis wirft Dr. Biener einen
überraschend anderen Blick auf
den weiblichen Körper.


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