Weniger Alkohol ist mehr

Menschengruppe streckt Sektgläser in den Himmel

Neueste Studien zeigen, dass jeder Schluck Alkohol der Gesundheit schaden kann. Gerade Frauen in den Wechseljahren profitieren davon, wenn sie nüchtern leben, erklärt ein Suchtmediziner im Interview.

Interview: Felix Fischaleck
Foto: Michu Dang-Quang/unsplash

Herr Prof. Kiefer, wie unterscheidet sich das Trinkverhalten von Frauen und Männern?
Im Wesentlichen zeigt sich in der jüngsten Generation, dass sich das Trinkverhalten von jungen Frauen und Männern zunehmend annähert. Dies liegt daran, dass die meisten Faktoren, die das Verhalten von Frauen und Männern beeinflussen, mittlerweile sehr ähnlich sind. Daher gibt es keinen Grund, warum junge Frauen gesellschaftlich anders trinken sollten als junge Männer – es sei denn, sie werden aufgrund ihres Konsums ungleich behandelt oder stigmatisiert. Früher war dies noch der Fall, da der Alkoholkonsum von Mädchen gesellschaftlich kritischer betrachtet wurde und mehr Einfluss auf ihr Verhalten genommen wurde. In der jüngsten Generation scheint sich dieses Bild jedoch gewandelt zu haben. Junge Frauen trinken heute genauso risikoreich wie junge Männer. In unserem Buch beschreiben wir das Trinkverhalten über verschiedene Generationen hinweg, mit den Folgen, das dies hat und mit den Chancen, die sich eröffnen, wenn man daran etwas verändert.

Es gibt also keinerlei Unterschiede im Trinkverhalten der Geschlechter?
Es gibt einige Trinkmotive, die bei Männern häufiger vorkommen als bei Frauen und umgekehrt. Wenn man Frauen zu ihren Beweggründen befragt, steht häufig das Bewältigen von Stress im Vordergrund – also das Trinken, um Druck abzubauen, Anforderungen gerecht zu werden und vielleicht auch, um die eigene Stimmung zu stabilisieren. Von Männern hingegen wird häufig genannt, dass sie trinken, um zu feiern und sozial kompetenter zu wirken. Ihnen hilft Alkohol dabei, kommunikativer zu werden, vielleicht den Mut zu fassen, eine Frau anzusprechen.

Falk Kiefer ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er gilt als einer der renommiertesten Suchtforscher Deutschlands und beschäftigt sich mit individuellen Faktoren wie Geschlecht, Persönlichkeit, Neurobiologie und sozialem Kontext in der Entstehung und Behandlung von Suchterkrankungen.


Wirkt Alkohol bei Frauen anders als bei Männern?
Alkohol hat zunächst keine geschlechtsspezifischen Auswirkungen – er ist für junge Frauen genauso schädlich wie für junge Männer. Natürlich müssen wir berücksichtigen, dass Frauen im Durchschnitt ein kleineres Verteilungsvolumen für den zugeführten Alkohol haben als Männer. Das liegt daran, dass sie im Durchschnitt ein geringeres Körpervolumen haben und einen geringeren Wasseranteil. Hinzu kommt, dass bei Frauen der Alkoholabbau etwas langsamer läuft. Entsprechend ist ein halber Liter Wein für eine Durchschnittsfrau toxischer als für einen Durchschnittsmann. Auch die sozialen Folgen unterscheiden sich häufig: Betrunkene und damit hilflose Frauen sind in unserer Gesellschaft nach wie vor gefährdeter, Opfer von sozialen, sexuellen und gewalttätigen Übergriffen zu werden als Männer.

Warum sollten gerade Frauen in den Wechseljahren auf ihren Alkoholkonsum achten?
Alkohol kann viele Symptome verstärken, die den Wechseljahresbeschwerden ähneln. Dazu gehören Schlafstörungen, innere Unruhe, Angespanntheit, Nervosität sowie Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen. Alkohol gehört somit zu den Lebensstilfaktoren, die ungünstige Wechselwirkungen mit Wechseljahresbeschwerden haben und daher reduziert werden sollten, wenn solche Beschwerden auftreten. Das Problem dabei ist, dass Alkohol vermeintlich kurzfristig Linderung verschafft. Eine Frau, die früher vielleicht gelernt hat, dass Alkohol sie ruhiger macht und beim Einschlafen hilft, könnte auf die Idee kommen, während der Wechseljahre ein Glas Wein oder Sekt zu trinken, um sich zu beruhigen. Kurzfristig mag dies tatsächlich eine Erleichterung verschaffen, doch auf mittlere oder lange Sicht verstärkt der Alkoholkonsum die Beschwerden der Wechseljahre. Dies führt häufig zu einem Teufelskreis: Frauen, die sich schlecht fühlen, trinken vermeintlich mehr, um sich kurzfristig besser zu fühlen, was die Symptome jedoch am Ende nur verstärkt.

Deshalb ist es in dieser Lebensphase besonders wichtig, den eigenen Alkoholkonsum kritisch zu hinterfragen und auszuprobieren, ob man sich während der hormonellen Umstellung nicht besser fühlt, wenn man den Alkoholkonsum reduziert oder ganz darauf verzichtet. Alkohol ist nämlich ein Faktor, der maßgeblich zu den Beschwerden beitragen kann. Darüber hinaus wirkt Alkohol direkt auf das Hormonsystem, da er das Gleichgewicht von Östrogen und Progesteron durcheinanderbringt. In der Zeit der Wechseljahre muss dieses System ohnehin neu justiert werden, und Alkohol stört nachweislich diesen Prozess.

Glauben Sie, dass sich der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol in den kommenden Jahren verändern wird?
In der jungen Generation beobachten wir bereits eine positive Entwicklung. In der Generation Z trinken deutlich weniger junge Erwachsene regelmäßig Alkohol als noch die Babyboomer oder die Generation X im gleichen Alter. Bei den 18- bis 25-Jährigen hat sich der Alkoholkonsum seit den 70er Jahren mehr als halbiert.



„Alkoholkonsum verstärkt die Beschwerden der Wechseljahre.“



Wenn Frau trinkt

Falk Kiefer und Nathalie Stüben erklären, warum Frauen Alkohol trinken, wie sie ihn konsumieren und was das mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit macht.

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