Die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt weiter. Wie Ende des vergangenen Jahres bekannt wurde, sind knapp 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Fast neun von zehn Betroffenen werden dabei zuhause betreut – und das überwiegend von Frauen. Warum das ein Problem ist, erklärt Verena Bentele im Interview.
Interview: Felix Fischaleck
Fotos: National Cancer Institute, Marlene Gawrisch
Nexxt Level: Pflegende Angehörige, insbesondere Frauen, erhalten immer noch wenig gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit. Was denken Sie, warum ist dieses Thema in der öffentlichen Wahrnehmung so wenig präsent?
Verena Bentele: Ein wesentlicher Grund ist, dass pflegende Angehörige oft kaum Zeit haben, sich zu organisieren oder öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Situation zu schaffen. Die Pflege beansprucht sie sowohl zeitlich als auch emotional sehr stark. Wenn man bedenkt, dass 86 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause gepflegt und davon 3,1 Millionen Menschen durch Angehörige betreut werden, wird klar, wie groß die Herausforderung ist.
Untersuchungen zufolge ist jede vierte Frau, die Angehörige pflegt, von Armut bedroht. Welche finanziellen Auswirkungen hat die Pflege auf Frauen konkret?
Die Pflege von Angehörigen bedeutet häufig Einkommensverluste und geringere Rentenansprüche. Viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit oder steigen ganz aus dem Berufsleben aus. Hinzu kommt, dass Frauen oft in schlechter bezahlten Berufen arbeiten, was ihre finanzielle Situation weiter verschärft. Es fehlt auch an Angeboten wie Tages- oder Kurzzeitpflege, die eine Kombination aus Pflege und Beruf erleichtern würden.
In unserer Gesellschaft herrscht nach wie vor das stereotype Bild vor, dass die Pflege in vielen Bereichen eine weibliche Verantwortung ist und Frauen durch die Familienstrukturen abgesichert sind. Frauen sollen die Pflegeaufgaben übernehmen, während Männer weiter ihrer Berufstätigkeit nachgehen. Dies verstärkt die Ungleichheit in der Gesellschaft und führt dazu, dass Frauen langfristig oft in die Armutsfalle geraten.
„Pflege darf nicht dazu führen, dass Menschen in die Armut abrutschen.“
Welche politischen Maßnahmen halten Sie für notwendig, um die Situation pflegender Frauen zu verbessern?
Es braucht dringend eine Lohnersatzleistung für pflegende Angehörige. Pflege darf nicht dazu führen, dass Menschen in die Armut abrutschen. Zudem sind flexiblere Arbeitszeitmodelle notwendig, die eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ermöglichen. Besonders wichtig ist es, dass pflegende Personen nicht aus dem Arbeitsleben ausscheiden müssen, sondern Pflege und Berufstätigkeit verbinden können. Dies erfordert den Ausbau von Angeboten für Tages- und Kurzzeitpflege sowie von ambulanten Diensten. Ein weiteres zentrales Anliegen ist die gesellschaftliche Anerkennung der Pflegearbeit. In anderen Ländern gibt es bereits gute Ansätze. Solche Modelle könnten auch hierzulande umgesetzt werden.

Sie führt den größten Sozialverband Deutschlands – und das bereits seit fast sieben Jahren. Verena Bentele, 42, setzt sich als Präsidentin des VdK vor allem für soziale Gerechtigkeit ein. Bekannt wurde die von Geburt an blinde Bentele durch ihre sportlichen Erfolge. Im Biathlon und Skilanglauf gewann sie zwölf Paralympics-Goldmedaillen.
Sie sprechen es an. Gibt es aus Ihrer Sicht Best-Practice-Beispiele aus dem Ausland, die Deutschland übernehmen könnte?
Ja, im Burgenland in Österreich sind pflegende Angehörige direkt bei der Kommune angestellt. Sie sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt und haben Zugang zu speziellen Schulungen, die sie in ihrer Rolle unterstützen. In skandinavischen Ländern gibt es ebenfalls Modelle, bei denen die Pflege besser in die kommunalen Strukturen integriert ist. Dort stehen sogenannte Gemeindeschwestern oder -pfleger zur Verfügung, die den Angehörigen bei der Organisation und Durchführung der Pflege helfen. Solche Strukturen entlasten die Familien und schaffen mehr Transparenz darüber, welche Unterstützung möglich ist. Diese Beispiele zeigen, dass Pflege nicht ausschließlich eine private Angelegenheit sein muss, sondern von der Gesellschaft unterstützt werden kann.
Welche Rolle können Unternehmen dabei spielen?
Unternehmen sollten eine familienfreundliche Kultur fördern und flexible Arbeitsmodelle anbieten. Homeoffice oder Teilzeitführungspositionen könnten pflegenden Angehörigen sehr helfen. Wichtig wäre auch ein Rechtsanspruch auf Anpassung der Arbeitszeit während einer Pflegesituation, damit solche Regelungen nicht nur von der Kulanz des Arbeitgebers abhängen. Auch betriebliche Unterstützungsprogramme wie aufgestockte Gehaltszahlungen bei reduzierter Arbeitszeit wären sehr hilfreich. Bei der aktuellen wirtschaftlichen Lage halte ich diese Forderung allerdings nicht für sonderlich realistisch.
„Es ist entscheidend, dass Frauen und Männer gemeinsam für Veränderungen eintreten.“
Was würden Sie sich wünschen: Welchen gesellschaftlichen Stellenwert sollte das Thema „Pflege“ künftig bekommen?
Pflege sollte kein Randphänomen sein. Es wird aber oft so behandelt, da es ein unangenehmes Thema ist. Für viele Menschen ist Pflege jedoch eine unvermeidbare Realität, sei es durch Angehörige oder selbst im Alter. Mit einer steigenden Zahl älterer Menschen muss vor allem die Arbeitswelt flexiblere Lösungen finden.
Abschließend: Müssten Frauen mehr Gleichberechtigung beim Thema „Pflege“ noch stärker einfordern?
Grundsätzlich ja. Frauen stehen vor strukturellen Nachteilen, die ihre Erwerbssituation und Gleichberechtigung beeinträchtigen. Sie verdienen im Schnitt 50 Prozent weniger als Männer über ein gesamtes Arbeitsleben gesehen, reduzieren ihre Arbeitszeit wegen Kindererziehung und Pflege oder steigen aus dem Beruf aus. Hinzu kommt, dass Frauen seltener in Führungspositionen vertreten sind. Diese Ungleichheit verstärkt traditionelle Rollenbilder, da viele Familien darauf angewiesen sind, dass der besserverdienende Mann weiterhin arbeitet. Um echte Wahlmöglichkeiten für Familien zu schaffen, bedarf es struktureller Veränderungen und gesellschaftlicher Anstrengungen, um Gleichberechtigung zu fördern. Dabei ist es entscheidend, dass Frauen und Männer gemeinsam für diese Veränderungen eintreten.
Unser Buchtipp:
In „Soforthilfe im Pflegefall“ bekommen betroffene Angehörige einen schnellen Überblick über die wichtigsten Schritte im Pflegefall. Das Handbuch unterstützt bei der Organisation einer auf den individuellen Bedarf abgestimmten Krankenpflege.

Pflege zuhause: 3,1 Millionen
Pflegebedürftige werden in Deutschland von ihren Angehörigen versorgt.
Quelle: Statistisches Bundesamt

