Statt verunsichert und hart gegen uns selbst zu sein, sollten wir uns in dieser Zeit besser um uns selbst kümmern. Unsere Ressourcen gut einteilen, ohne schlechtes Gewissen „Göttinnenzeit“ nehmen, Nein sagen (lernen, endlich!), wenn es zu viel wird.
Interview: Carolin Binder
Fotos: Vonecia Carswell/unsplash, creative vision
Frau Sievers, Sie begleiten viele Patientinnen durch die Wechseljahre. Von welchen Symptomen werden die Frauen oft überrascht?
Viele Frauen erwarten Hitzewallungen und Schlafstörungen, aber sie sind oft überrascht von Symptomen wie Brain Fog, Gelenkbeschwerden oder plötzlichen Stimmungsschwankungen. Auch ein veränderter Körpergeruch oder Herzstolpern sind Dinge, mit denen viele nicht rechnen. Gerade diese unerwarteten Symptome lösen oft Verunsicherung aus – dabei muss man sie den Betroffenen einfach nur korrekt einordnen.
Es ist noch zu früh für die Wechseljahre, so die Meinung?
Ja, genau – das höre ich sehr oft. Viele Frauen denken, sie seien „zu jung“ für die Wechseljahre, weil sie noch ihre Periode haben. Dabei beginnt die hormonelle Umstellung oft schon Mitte bis Ende 30, also lange bevor die Blutung aussetzt. Da treten schon viele Symptome auf, ohne dass sie mit der hormonellen Umstellung in Verbindung gebracht werden. Die Wechseljahre – auch Perimenopause genannt – laufen in Phasen. Anfangs stehen vor allem die Schwankungen im Vordergrund und durch vereinzelte Aussetzer beim Eisprung immer mal ein Progesteronmangel, erst später kommt dann der Östrogenmangel hinzu und mit ihm dann die typischen Hitzewallungen.

Claudia Sievers ist Frauenärztin an zwei Standorten: in eigener Privatpraxis für ganzheitliche Frauengesundheit in München, als Wechseljahresexpertin, Resilienzcoach und Hypnosetherapeutin (in Ausbildung), und gemeinsam mit ihrem Team als Frauenärztin im Ganzheitlichen Frauenarztzentrum Villinger. Sie ist spezialisiert auf Wechseljahre, Verhütung, Schwangerschaft und Kinderwunsch.
Gehen Frauen in dieser Zeit zu ihrer Gynäkologin, hören sie oft, dass ein Hormonstatus nicht sinnvoll ist. Aber wie weiß man, wo man steht und ob Beschwerden wirklich an den Wechseljahren liegen?
Ja, das ist ein berechtigter Punkt. Ein einzelner Hormonstatus ist in der Perimenopause oft nicht aussagekräftig, weil die Hormonspiegel stark schwanken – manchmal sogar täglich. Viel entscheidender ist ein gutes Gespräch: Welche Symptome zeigen sich, wie regelmäßig ist der Zyklus, was hat sich verändert? Eine erfahrene Gynäkologin erkennt an diesen Mustern meist recht klar, ob die Wechseljahre eine Rolle spielen. Es geht also weniger um Zahlen, sondern mehr um das Gesamtbild – und darum, die Frau wirklich ernst zu nehmen. Damit Frauen Symptome im Vorhinein besser einordnen können, führe ich mit meinen Patientinnen ab 40+ einen kurzen „Meno-Talk“.
Was besprechen Sie dann?
Im „Meno-Talk“ klären wir: Was sind typische frühe Anzeichen der hormonellen Umstellung? Was kann sich körperlich und seelisch verändern? Und vor allem: Was stärkt in dieser Lebensphase? Es geht mir darum, dass Frauen vorbereitet sind – nicht verunsichert. Wir sprechen über Zyklusveränderungen, Schlaf, Stimmung, Libido, aber auch über Ernährung, Bewegung und mentale Ressourcen. Oft reichen schon kleine Impulse, damit sich etwas ins Lot rückt. Vor allem möchte ich verhindern, dass Frauen erst lange Odysseen oder Aufenthalte in psychosomatischen Kliniken hinter sich haben müssen, bevor jemand auf die Idee kommt, dass es die Wechseljahre sein könnten. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es für manche Symptome auch andere Ursachen als die Wechseljahre gibt.
Können Sie ein typisches Beispiel nennen?
Ja, zum Beispiel Erschöpfung – ein sehr häufiges Symptom in der Perimenopause. Aber nicht jede Müdigkeit kommt von den Hormonen. Eisenmangel, Schilddrüsenprobleme, psychische Belastungen oder einfach ein übervoller Alltag können genauso dahinterstecken. Deshalb ist eine sorgfältige Abklärung so wichtig. Ich schaue gemeinsam mit der Patientin: Was passt ins Bild der hormonellen Umstellung – und wo lohnt es sich, weiterzudenken? Es geht nicht darum, alles auf „die Wechseljahre“ zu schieben, sondern darum, die Frau in ihrer Gesamtheit zu verstehen.
Manche Frauen erkennen sich kaum wieder, erleben die Perimenopause als tiefgehende Krise, die sie verunsichert. Was hilft?
Zuerst: zu wissen, dass man nicht allein ist und dass die Symptome eine körperliche Ursache haben. Das entlastet schon enorm. Dann braucht es eine Mischung aus Wissen, Selbstfürsorge und gezielter Unterstützung – medizinisch, aber auch mental. Ich ermutige Frauen, genauer hinzuschauen: Was tut mir gut? Was möchte ich loslassen? Diese Phase ist nicht nur eine Krise, sondern auch eine Chance für echte Neuorientierung.
Welche Stellschrauben kann man noch aktiv beeinflussen?
Da gibt es zum Glück viele! Schlaf, Ernährung, Bewegung, Stressmanagement – das sind große Hebel. Wer zum Beispiel regelmäßig moderat trainiert, schläft oft besser, hat eine stabilere Stimmung und schützt aktiv die Knochen. Auch die Ernährung und zusätzliche Mikronährstoffen können viel ausrichten: Vitamin D, Magnesium, Vitamin B-Komplex, Omega-3-Fettsäuren in Form von Algenöl oder Fischöl – all das unterstützt das Nervensystem und den Hormonhaushalt. Und ganz wichtig: sich selbst nicht zuletzt einreihen. Pausen, Nein sagen, Unterstützung annehmen – das ist kein Luxus, sondern gesundheitsrelevant. Ich ermutige Frauen etwa, sich „Göttinnen“-Zeit zu nehmen, wie ich es nenne. Zum Beispiel: Nach dem Job erstmal eine halbe Stunde für sich ganz allein zu beanspruchen.
Es hat sich zuletzt viel getan, die Wechseljahre sind politisch, sind öffentlich geworden. Bemerken Sie das auch in Ihrer Praxis?
Absolut. Immer mehr Frauen kommen informierter in die Praxis – sie haben Podcasts gehört, Bücher gelesen, möchten aktiv mitentscheiden. Das finde ich großartig. Gleichzeitig spüre ich auch den Druck, der damit entsteht: „Ich sollte doch jetzt wissen, wie ich damit umgehen kann.“ Aber jede Frau erlebt die Wechseljahre anders – und es gibt kein Schema F. Mein Ansatz ist: informieren, entlasten, gemeinsam schauen, was individuell passt.
Die Hormontherapie wird wieder häufiger verordnet. Wann ist der richtige Zeitpunkt dafür?
Inzwischen kommen manche Frauen tatsächlich überfrüh mit dem Wunsch nach Hormonen. Man muss aber nicht vorausschauend Hormone nehmen. Der richtige Zeitpunkt ist dann, wenn Beschwerden die Lebensqualität spürbar einschränken – und andere Maßnahmen nicht ausreichen. Entscheidend ist nicht ein bestimmter Hormonwert, sondern wie es der Frau geht. Wenn Schlaf, Stimmung oder Energie dauerhaft leiden, Muskel- oder Gelenkschmerzen auffällig einschränken, kann eine individuell abgestimmte Hormontherapie sehr wirksam sein. Wichtig ist: Sie sollte gut erklärt, regelmäßig überprüft und an die persönliche Situation angepasst werden. Es ist kein „Entweder-oder“, sondern oft Teil eines ganzheitlichen Behandlungsplans. Um Benefits für das hohe Alter mitzunehmen, ist es sinnvoll, nicht zu spät nach der letzten Regelblutung zu beginnen.
Wie läuft der Einsatz von Hormonen ab?
Wir klären, ob die Frau eher ein Pillenhormon braucht, das die Eierstocktätigkeit etwas bremst – das ist häufig in den frühen Wechseljahren sinnvoll – oder ob sie von einer bioidentischen Hormontherapie mit Progesteron und Östrogen profitiert, wie man sie dann auch in der Postmenopause gibt. Es gibt Einzel- und Kombipräparate, verschiedene Dosierungen und Anwendungsformen, es ist durchaus komplex. Zudem gilt es, individuelle Risikofaktoren bzw. Zusatznutzen miteinzubeziehen: Wie ist der Zuckerstoffwechsel, der Blutdruck, besteht Osteoporose? Nach Brustkrebs sind systemische Hormone zwar eher keine Option, aber vaginale Hormon-Anwendungen können besprochen werden.
Und wie ist die Strategie, wenn man Hormone nicht nehmen möchte oder kann?
Die Hormone haben den Vorteil, dass man quasi fünf Fliegen mit einer Klappe schlägt und mit einer Strategie Einfluss auf verschiedene Organe nimmt – so ist unsere Fruchtbarkeit angelegt. Denn wenn wir ein Baby bekommen, ist es wichtig, dass alle Organe stark sind. Ohne die Hormonleistung der Eierstöcke muss man sich dann einzeln kümmern: Wie schütze ich Herz und Gefäße? Wie die Knochen, wie das Gehirn? Es ist aufwendiger, aber machbar. Auch ohne Hormone ist der Koffer an Behandlungsmöglichkeiten gut gefüllt. Ich setze gerne auf eine Kombination aus pflanzlichen Mitteln, Ernährung, Bewegung und Stressmanagement. Phytohormone aus Pflanzen wie Soja oder Rotklee können helfen, ähnlich wie Akupunktur oder bestimmte Nahrungsergänzungsmittel. Außerdem spielt die Achtsamkeit eine große Rolle – Stressreduktion durch Meditation oder Yoga kann die Symptome deutlich lindern. Bei Schlafstörungen sind auch natürliche Mittel wie Melatonin oder Magnesium eine gute Unterstützung. Hypnose oder die kognitive Verhaltenstherapie wirken laut Studien ähnlich effektiv wie Hormone bei wechseljahresbedingten Schlafstörungen und Hitzewallungen. Wichtig ist, dass wir gemeinsam herausfinden, was am besten zu der jeweiligen Frau und ihrer Lebenssituation passt.

